Da mir häufig Fragen zur Haltung dieser hübschen Art gestellt werden und kaum Beschreibungen zu finden sind, macht es Sinn etwas weiter auszuholen und in einem Beitrag von meinen Erfahrungen zu berichten. Ich bin zu dieser Art gekommen wie die sprichwörtliche Jungfrau zum Kind. Alle Haltungsdaten habe ich aus entsprechenden Klimatabellen abgeleitet und mit den Erfahrungsberichten anderer Arten ergänzt.
Die wichtigste Info zuerst. Wir reden über eine Tierart die im tropischen Hochland Malaysias, den Cameron Highlands lebt und die, wie auch andere Wirbellose aus diesem Gebiet, hohe Temperaturen nicht verträgt.
Aus aktuellem Anlass möchte ich mit der Beschreibung des Lebensraumes auch die Käufer von Riesenkuglern ansprechen und erklären weshalb man vom Erwerb von Wildfängen aus diesem Lebensraum Abstand nehmen sollte.
Generell ist die Datenlage was die Haltung angeht sehr dünn. Ich habe meine Infos aus frei zugänglichen Klimatabellen zusammen getragen, aus Reiseberichten und den Beschreibungen von Bekannten die nicht weit entfernt von dort leben und mit den Eigenarten dieser Region vertraut sind.
Klima
Bei einem tropischen Regenwald werden viele an hohe Temperaturen, viel Feuchtigkeit und extrem schwüle Luft denken. Im Flachland mag das auch zutreffen aber ein tropischer Regenwald kann auch, wie in den Cameron Highlands, auf 1200 - 2000m Höhe liegen. Innerhalb dieses Lebensraum steigen die Lufttemperaturen am Tag, je nach Höhenlage auf 24°-28°C. Es regnet, bis auf wenige Tage im Jahr, jeden Tag, mal mehr oder weniger. Die Luftfeuchte hat Ihren Namen und die Feuchte am und im Bodensubstrat ebenfalls. Die Luft ist in Bewegung, was sie nicht so stickig wirken lässt.
Die Tageslänge in tropischen Regionen ändert sich im Verlauf des Jahres kaum und beträgt immer um die 12 Stunden, bei einem sehr hohen UV-Index. In den Nachtstunden hingegen fallen die Lufttemperaturen je nach Höhenlage auf deutlich unter 20°C und erreichen in den hochgelegenen Fundgebieten maximal noch 15°C. Das die Fundgebiete nicht auf eine Höhenlage eingegrenzt sind, zeigt eine gewisse Toleranz und Anpassungsfähigkeit in Bezug auf die Mindesttemperatur.
Die natürliche Vegetation ist dicht, so dass es die Scolopendra reichlich natürliche Deckung vorfinden, die sie auch im Terrarium benötigen und nutzen. Gerade die Jungtiere verbringen, wenn sie nicht gerade jagen, die meiste Zeit des Tages im Schutz des Unterholz bzw. im lockeren Bodensubstrat des Terrarium.
Bei der Haltung von Scolopendra spec “Malaysian Jewel” müsst Ihr beachten das noch weitere Faktoren Einfluss auf das Klima haben. Zunächst ist es in den Highlands sehr feucht. Die Temperaturangaben beziehen sich auf die Lufttemperatur. Auf dem feuchten Bodengrund kann man wegen der Verdunstungskälte 2-3°C von der Lufttemperatur abziehen. Hinzu kommt eine stetige Luftbewegung.
Das klingt nach einem enormen Aufwand für die Haltung. Naja, so ganz einfach ist die Haltung nicht und wenn Ihr unter dem Dach wohnt, lasst es besser gleich bleiben. Wohnt Ihr in einem Altbau oder verfügt über einen kühlen Keller, wird es leichter das benötigte Klima zu erzeugen.
Ganz wichtig ist es, dass man ein Verständnis für die Klimadaten entwickelt. So sind Tagestemperaturen die kurzfristig (für ein paar Stunden bis wenige Tage) auf 25°C bis 28°C steigen überhaupt kein Problem solange das Substrat immer leicht feucht ist, das Terrarium gut belüftet und die Nachttemperatur um 8-10°C fällt. Auf diese Tag- Nacht Amplitude kommt es an.
Gut belüftet bedeutet bei mir einen stetigen Luftaustausch, der nur mit ein paar Luftlöchern oder einer kleinen Gazefläche nicht erreicht werden kann. Ich erreiche die benötigte Luftbewegung über einen Raumventilator, also einem Decken- oder Standventilator. Der komplette Raum wird von der Luftbewegung erfasst und diese wirkt auch in allen Boxen und Terrarien. Die Wirkung ist nicht stark aber stetig.
Im allgemeinen vertragen adulte Tiere extreme Temperaturen besser als Jungtiere. Ich würde sogar behaupten, dass für Jungtiere eine Nachttemperatur von 18°-20°C und eine Tagestemperatur um die 24°C für die Aufzucht von Vorteil sind. Bei einem mir bekannten Halter, der nah an die Extremtemperaturen gegangen ist, also 22°C am Tag und nur 15°C in der Nacht, sind Jungtiere nach wenigen Wochen eingegangen. Gerade bei wechselwarmen Tieren nimmt eine zu geringe Umgebungstemperatur, durch den dadurch niedrigeren Stoffwechsel, großen Einfluss auf die Entwicklungsgeschwindigkeit. Viele Reptilienhalter wissen, dass hohe Temperaturen bei wechselwarmen Tieren das Wachstum beschleunigen und niedrigere die Entwicklung hemmen.
Beide Extreme birgen Risiken. Ein zu schnelles Wachtum kann zu Mangelerscheinungen führen, während zu niedrige Temperaturen die Tiere verkümmern lässt. Nach meinen Erfahrungen kann man das 1:1 auch auf wirbellose Tiere übertragen. Ich suche immer nach dem Mittelmaß, bei dem die Tiere eine deutliche Nachtabsenkung um min. 6°C bekommen, also ca. 18°C in der Nacht und am Tag eine Temperatur zwischen 24°C bis 25°C. So verläuft die Entwicklung optimal und die Nachtabsenkung macht die Jungtiere widerstandsfähiger. Mit zunehmendem Alter werden die Tiere stabiler und vertragen problemlos noch niedrigere Nachttemperaturen.
Terrarienwahl
Noch ein paar Worte zu den Terrarien. Alle Scolopendra sind Profis in Sachen Schwachstellen aufspüren und nutzen jede Chance auszubrechen. Es gibt jede Menge unterschiedlichen Umgebungen für eine Behausung. Ich nutze Aquarien mit einer Gazeabdeckung. Die Jungs sind übrigens clever genug Abdeckungen und Falltüren anzuheben, Schiebetüren zu öffnen oder sich dazwischen durchzuquetschen.
Futter
Scolopendra ernähren sich carnivor und auch von Aas und sind dabei nicht wählerisch. Je nach Größe verfüttre ich entsprechend große Heuschrecken, Grillen oder Schaben. Das erste Insekt gibt es direkt ins Maul. Das zweite quetsche ich leicht an. So ist sichergestellt das kurz vor einer möglichen Häutung, der Scolopendra nicht selbst zur Beute wird. Kürzlich habe ich gehört das einige Arten auch an überreifen Obst “knabbern” aber das kann ich bislang nicht bestätigen und auch nicht sagen ob es hier um Nahrungsaufnahme geht oder nur um den Fruchtzucker bzw. eine Flüssigkeitsaufnahme.
Wildfänge
Ich möchte generell etwas zu Wildfängen aus den Cameron Highlands sagen. Kann man Tiere aus dieser Region im Hobby halten? Ganz klar Nein es sollten Nachzuchten sein. Das Klima nachbilden ist durchaus möglich. Jeder Halter und Züchter von z.B. montanen Chamäleonarten steht vor ähnlichen Problemen und kann sie offensichtlich lösen. Die Probleme liegen im Transport und der Zwischenlagerung vor Ort. Tierhändler leben nicht im Hochland. Bis zum Versand in die ganze Welt werden Wildfänge größtenteils nicht nach ihren Bedürfnissen “gelagert”. Was passiert mit Tieren in dessen Lebensraum die Temperaturen tagsüber nur selten über 25°C steigen und nachts auf deutlich unter 20°C fallen, wenn sie plötzlich Tage oder Wochen bei stickigen 30°C ohne größere Nachtabsenkung untergebracht werden? Es belastet ihren Organismus wodurch sie schwächeln.
Wenn häufiger genannte Vermutungen zutreffen, werden die Bakterien ihres Verdauungsapparates bei der “Zwischenlagerung” nachhaltig geschädigt, was deren Tod unausweichlich macht. Und das sind nur die Probleme die durch zu hohe Temperaturen entstehen. Weitaus schwieriger wird es wenn die begehrten Arten auch noch Futterspezialisten sind, die sich in ihrem Lebensraum z.B. nur von seltenen Flechten ernähren, die für uns nicht verfügbar sind.
Behaltet diese Info im Kopf wenn Ihr das nächste mal bei einer Ausstellung Wildfänge von Riesensaftkuglern, Feuerschnecken oder seltenen Scolopendra seht. In Gegenwart solcher Schönheiten muss ich mir selbst auf die Finger hauen aber bedenkt bitte, dass sich diese Tiere bereits im Sterbeprozess befinden können und nichts etwas daran ändern kann.
Nachtrag
Kurz nach meinem Beitrag hatte ich Kontakt zu einem thailändischen wirbellosen Züchter, der mir berichtet hat, dass er bei einem Ausflug in den Nationalpark Khao Luang, im Süden Thailands, eine interessante Entdeckung gemacht hat.
Im Nationalpark Khao Luang, der von der Nakhon-Si-Thammarat-Bergkette durchzogen wird, fand er auf etwa 1000m Höhe zwei adulte Exemplare von Scolopendra spec “Malaysian Jewel”. Das ist fast 600km von dem bislang bekannten Fundort, in den Cameron Highlands entfernt und von der Höhenlage die untere Grenze des tropischen Hochlands. Natürlich erreichen auch hier die Tagestemperaturen nur selten mehr als 25°C aber die Nachtabsenkung ist nicht so hoch wie in den Cameron Highlands von Malaysia. Die extreme Luftfeuchte ist vergleichbar, in Senken steht häufig Nebel aber es ist durchschnittlich um einige Grad wärmer.
Diese Info könnte die Haltung deutlich vereinfachen. Zu besonders heißen Sommertagen sind meine Tiere nachts bislang in einen Weinflaschenkühlschrank umgezogen um ihnen eine Nachtabsenkung bieten zu können. Das war sicherlich nicht von Nachteil aber vielleicht ein Stück weit unnötig. Ein kühlerer Raum wäre für die Haltung möglicherweise ausreichend.