Artbestimmung
Die sichere Artbestimmung von Hundertfüßern ist deutlich komplexer, als es auf den ersten Blick erscheint. Viele Arten ähneln sich äußerlich stark, zeigen große innerartliche Variationen oder verändern ihr Erscheinungsbild mit zunehmendem Alter. Gerade bei Skolopendern führt dies häufig zu Fehlbestimmungen, selbst unter erfahrenen Haltern.
Warum Artbestimmung schwierig ist
Mehrere Faktoren erschweren eine eindeutige Zuordnung:
- Hohe Variabilität innerhalb einer Art (Farbe, Größe, Bedornung)
- Ontogenetische Veränderungen: Juvenile Tiere unterscheiden sich teils deutlich von Adulten
- Sexuelle Dimorphie: Männchen und Weibchen können unterschiedlich gebaut sein
- Überlappende Merkmale zwischen nahe verwandten Arten
- Unvollständige oder veraltete Literatur für viele Regionen
Insbesondere bei pantropisch verbreiteten Gattungen wie Scolopendra existieren zahlreiche lokale Formen, Synonyme und bislang unzureichend untersuchte Populationen.
Welche Merkmale für die Bestimmung relevant sind
Für eine belastbare Bestimmung reichen Farbe oder Körpergröße allein nicht aus. Wichtige diagnostische Merkmale sind unter anderem:
- Anzahl der Antennenglieder und deren Behaarung
- Anzahl, Form und Anordnung der Ocellen
- Struktur der Tergite und Sternite
- Prefemuralbedornung der Beine
- Form und Bedornung der Coxopleuralfortsätze
- Gestalt der Maxillipeden und Zahnplatten
- Form der Stigmen (mit oder ohne Klappen)
- Ausbildung der Schleppläufe (Endbeine)
Viele dieser Merkmale lassen sich nur bei ruhigen, gut ausgeleuchteten Tieren oder anhand von Makroaufnahmen sicher beurteilen.
Grenzen der Bestimmung in der Terraristik
In der Praxis ist eine exakte Artbestimmung im Hobbybereich oft nur eingeschränkt möglich.
Gründe dafür sind:
- fehlender Zugang zu Vergleichsmaterial
- keine Möglichkeit zur Untersuchung von Typusexemplaren
- keine genetischen Analysen
- Unsicherheit bei der Interpretation morphologischer Merkmale
Daher bleiben viele Tiere korrekt, aber bewusst ungenau als “Scolopendra sp.”, “cf.” (vergleiche) oder “aff.” (verwandt mit) gekennzeichnet.
Dies ist fachlich korrekt und ehrlicher als eine unsichere Artzuweisung.
Häufige Fehler bei der Artbestimmung
Typische Irrtümer entstehen durch:
- Bestimmung allein nach Farbe oder Handelsnamen
- Verwechslung juveniler Tiere mit kleinbleibenden Arten
- Übernahme ungeprüfter Bezeichnungen aus Foren oder Shops
- Gleichsetzung geografischer Herkunft mit Artzugehörigkeit
Besonders problematisch ist die unkritische Weitergabe falscher Namen, da sich diese über Jahre im Hobby festsetzen können.
Bedeutung der Herkunft
Die exakte Fundortangabe (Land, Region, Habitat) ist oft ein entscheidender Hinweis für die Bestimmung. Zwei äußerlich nahezu identische Tiere können unterschiedlichen Arten angehören, wenn sie aus weit voneinander entfernten Verbreitungsgebieten stammen.
Umgekehrt können Tiere aus derselben Region stark variieren, ohne verschiedenen Arten anzugehören.
Wissenschaftliche Artbestimmung
In der wissenschaftlichen Taxonomie erfolgt die Artbestimmung häufig durch:
- detaillierte morphologische Analyse
- Vergleich mit Typusmaterial
- Beschreibung neuer Arten
- zunehmend auch molekulargenetische Methoden
Viele heute im Hobby gehaltene Tiere gehören vermutlich zu bislang unbeschriebenen oder unzureichend abgegrenzten Arten.
Fazit
Die Artbestimmung bei Hundertfüßern erfordert Erfahrung, Vergleichsmaterial und oft wissenschaftliche Hilfsmittel. Für die Terrarienhaltung ist eine exakte Bestimmung zwar wünschenswert, aber nicht immer notwendig. Wichtig ist vor allem eine korrekte, vorsichtige Benennung und das Bewusstsein für die Grenzen des eigenen Wissens.
Eine ehrliche Bezeichnung ist fachlich immer wertvoller als eine vermeintlich präzise, aber falsche Artzuordnung.